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Warum bleibt von meiner Gehaltserhöhung nichts übrig?

  • Autorenbild: Martin Reiss
    Martin Reiss
  • vor 1 Stunde
  • 4 Min. Lesezeit

Die wahren Gründe – und was Arbeitnehmer dagegen tun können


1. Ein Gefühl, das viele kennen


„Ich habe mehr verdient – aber auf dem Konto sehe ich davon kaum etwas.“ Diesen Satz hören wir in der Steuerberatung aktuell sehr häufig. Viele Arbeitnehmer erhalten 2025 oder 2026 eine Gehaltserhöhung – sei es durch Tarifabschlüsse, Mindestlohnerhöhungen oder individuelle Anpassungen – und sind anschließend enttäuscht.


Das Gefühl, dass von der Gehaltserhöhung „nichts übrig bleibt“, ist keine Einbildung. In vielen Fällen lässt sich das rechnerisch erklären. Die Ursachen liegen nicht in einem einzelnen Faktor, sondern im Zusammenspiel mehrerer steuerlicher und sozialversicherungsrechtlicher Effekte, die oft unterschätzt werden.


In diesem Beitrag erklären wir verständlich:

  • warum eine Gehaltserhöhung häufig kaum im Netto ankommt,

  • welche Mechanismen dahinterstehen,

  • und welche Stellschrauben Arbeitnehmer kennen sollten.



2. Brutto ist nicht gleich Netto – der erste Denkfehler


Eine Gehaltserhöhung wird in der Regel brutto vereinbart. Das bedeutet: Sie erhöht das steuer- und sozialversicherungspflichtige Einkommen.


Vom Bruttolohn gehen jedoch ab:

  • Lohnsteuer

  • Solidaritätszuschlag (in bestimmten Fällen)

  • Kirchensteuer (falls zutreffend)

  • Rentenversicherung

  • Krankenversicherung

  • Pflegeversicherung

  • Arbeitslosenversicherung


Je nach Einkommenshöhe können 40 % oder mehr der Erhöhung nicht beim Arbeitnehmer ankommen. Schon hier entsteht oft die erste Ernüchterung.



3. Die kalte Progression – der stille Hauptgrund


3.1 Was bedeutet „kalte Progression“?

Die kalte Progression beschreibt einen Effekt im Einkommensteuerrecht: Mit steigendem Einkommen steigt nicht nur die Steuer in Euro, sondern oft auch der Steuersatz.


Das Problem: Die Gehaltserhöhung gleicht häufig nur die Inflation aus – steuerlich wird sie aber wie ein echter Einkommenszuwachs behandelt.


👉 Ergebnis: Mehr Brutto, höherer Steuersatz, kaum mehr Netto.


3.2 Warum betrifft das so viele?

Die kalte Progression trifft besonders:

  • Arbeitnehmer mit kleinen und mittleren Einkommen

  • Personen mit jährlichen Gehaltserhöhungen

  • Beschäftigte, die knapp über Steuergrenzen rutschen


Viele merken den Effekt erst am Monatsende oder bei der Steuererklärung.



4. Sozialabgaben steigen automatisch mit


Neben der Steuer erhöhen sich mit dem Bruttolohn auch die Sozialversicherungsbeiträge.


4.1 Was bedeutet das konkret?

Eine Gehaltserhöhung führt zu:

  • höheren Rentenversicherungsbeiträgen

  • höheren Krankenversicherungsbeiträgen

  • höheren Pflegeversicherungsbeiträgen


Auch wenn der Beitragssatz gleich bleibt, steigt der absolute Abzug.


4.2 Beitragsbemessungsgrenzen als Sonderfall

Wer mit einer Gehaltserhöhung eine Beitragsbemessungsgrenze überschreitet, erlebt oft einen zusätzlichen Effekt:

  • Bis zur Grenze volle Beiträge

  • darüber keine oder geringere Abzüge


Das kann zu sprunghaften Veränderungen im Netto führen – positiv oder negativ.



5. Wegfall von Vergünstigungen und Freibeträgen


Eine Gehaltserhöhung kann dazu führen, dass bestimmte steuerliche Vorteile entfallen, zum Beispiel:

  • geringere Wirkung von Werbungskostenpauschalen

  • Wegfall von Zuschüssen oder Sozialleistungen

  • geringere Entlastung durch bestimmte Freibeträge

  • höhere Steuerlast bei Ehepartnern im Splitting


Das führt dazu, dass die Erhöhung nicht nur „verpufft“, sondern sogar neue Nachteile entstehen.



6. Steuerklasse, Freibetrag, Vorauszahlungen – oft unbeachtet


6.1 Steuerklasse passt nicht mehr

Viele Arbeitnehmer behalten jahrelang dieselbe Steuerklasse – auch wenn sich Einkommen, Familienstand oder Nebenverdienste ändern. Das kann dazu führen, dass:

  • monatlich zu viel Steuer einbehalten wird

  • Nachzahlungen entstehen

  • das Netto künstlich gedrückt wird


6.2 Kein Freibetrag eingetragen

Wer regelmäßig Werbungskosten, Fahrtkosten oder andere abzugsfähige Ausgaben hat, kann einen Freibetrag eintragen lassen. Ohne Freibetrag:

  • wirkt die Entlastung erst bei der Steuererklärung

  • das monatliche Netto bleibt unnötig niedrig



7. Sonderfall: Mindestlohn- und Tarifsteigerungen


Gerade bei Mindestlohn- und Tarifbeschäftigten ist der Effekt besonders spürbar.

Warum?

  • Die Erhöhung ist oft relativ klein

  • der prozentuale Abzug aber hoch

  • gleichzeitig steigen Lebenshaltungskosten


Das führt zu dem Gefühl:

„Ich arbeite mehr oder verdiene mehr – aber komme trotzdem nicht weiter.“


8. Inflation frisst den Rest auf


Selbst wenn netto etwas mehr übrig bleibt, kommt ein weiterer Faktor hinzu: Inflation.

Steigende Kosten für:

  • Miete

  • Energie

  • Lebensmittel

  • Versicherungen


führen dazu, dass die reale Kaufkraft trotz höherem Einkommen sinkt. Steuerlich ist das nicht direkt sichtbar – im Alltag aber sehr deutlich spürbar.



9. Typische Denkfehler in der Praxis


Aus unserer Beratungspraxis sehen wir immer wieder folgende Irrtümer:

  • „Eine kleine Erhöhung lohnt sich immer“

  • „Das Finanzamt nimmt mir alles weg“

  • „Ich kann daran sowieso nichts ändern“

  • „Steuerberater lohnen sich nur für Reiche“


Diese Annahmen sind so pauschal nicht richtig – aber ohne Erklärung entstehen Frust und Unsicherheit.



10. Was Arbeitnehmer konkret tun können


Auch wenn sich Steuern und Abgaben nicht vollständig vermeiden lassen, gibt es Gestaltungsmöglichkeiten:


✔ Steuerklasse prüfen

✔ Freibeträge nutzen

✔ Werbungskosten realistisch erfassen

✔ Steuererklärung konsequent abgeben

✔ Nebenverdienste sauber einordnen

✔ Einmalzahlungen gezielt planen


Oft lassen sich mehrere hundert bis tausend Euro pro Jahr optimieren – nicht durch Tricks, sondern durch korrekte Nutzung der bestehenden Regeln.



11. Wann sich eine steuerliche Beratung lohnt


Eine Beratung lohnt sich insbesondere, wenn:

  • eine Gehaltserhöhung ansteht oder erfolgt ist

  • mehrere Einkommensquellen bestehen

  • sich Familien- oder Lebensverhältnisse ändern

  • regelmäßig Nachzahlungen entstehen

  • das Netto dauerhaft „zu niedrig“ erscheint


Gerade hier zeigt sich: Nicht das Brutto entscheidet – sondern die steuerliche Struktur.



12. Fazit: Das Problem ist erklärbar – und oft lösbar


Dass von einer Gehaltserhöhung wenig übrig bleibt, liegt nicht an einem Fehler des Arbeitnehmers, sondern an einem komplexen Zusammenspiel aus Steuern, Sozialabgaben und Inflation.


Unser Fazit: Wer versteht, warum das Netto kaum steigt, kann gezielt gegensteuern. Ohne Überblick verschenken viele Menschen jedes Jahr bares Geld – oft unbemerkt.



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